Die Kölner Reisegruppe in der Sächsischen Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek Dresden
Kölnische Bibliotheksgesellschaft
Kölner Bibliotheksfreunde in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar
Ziel der ersten Studienreise der Kölnischen Bibliotheksgesellschaft waren bedeutende Sammlungen der Wettiner in Sachsen und Thüringen, allesamt herausragende historische Bibliotheken. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Dr. Wolfgang Schmitz, Bibliotheksdirektor der USB Köln, erlebten die 34 TeilnehmerInnen interessante Führungen in Gotha, Dresden und Weimar.
Forschungsbibliothek Gotha der UB Erfurt (Herzogliche ernestinische Linie des Hauses Wettin)
Ihre Anfänge gehen auf Herzog Ernst den Frommen von Sachsen-Gotha-Altenburg zurück, der in den Jahren nach 1640 das Schloß Friedenstein erbauen und im Westflügel eine Bibliothek einrichten ließ, deren Sammlung ebenso wie die Raritäten der fürstlichen Kunstkammer persönlichen Neigungen wie fürstlicher Repräsentation dienen sollte. Sie setzte sich aus älterem Familienbesitz, reicher Beute als Feldherr im Gefolge Gustav Adolfs im Dreißigjährigen Krieg und Neuerwerbungen zusammen und folgte seit ihrer Gründung einer bibliophilen Ausrichtung. Eine große Zahl von Handschriften, Inkunabeln und Büchern und eine Sammlung von Briefen der Enzyklopädisten und französischer Literatur des 18. Jahrhunderts in seltener Reichhaltigkeit ließen den Namen der Bibliothek weithin bekannt werden.
Dem Geist der Aufklärung zugewandte Bibliothekare schufen aus einem Objekt fürstlicher Liebhaberei eine wohlgeordnete wissenschaftliche Sammlung, die Ende des 18. Jahrhunderts mit ca. 60.000 Bänden eine für eine Fürstenbibliothek sehr respektable Größe besaß. Vor allem der als Mathematiker und Astronom tätige Herzog Ernst II. (+1804) wurde durch seine Geschäftsbeziehungen zum französischen Büchermarder Maugérard und anderen gleichartigen Händlern bekannt. Orientalische Handschriften kamen nach einer Forschungsreise in den Orient durch Ulrich Jasper Seetzen (1767-1811) in die Gothaer Sammlung, die sich mit ca. 5.500 abendländischen und ca. 3.300 orientalischen Handschriften, 1.000 Inkunabeln und zehntausenden von alten Drucken überaus respektabel entwickelte.
Im groß angelegten Schlosskomplex sind in den zahlreichen prächtigen Sälen des Barock und des Rokoko Schätze der ehemaligen Kunstkammer, Gemälde und Stiche, Vasen und Gläser und eine Sammlung chinesischer Keramik und Plastik aufbewahrt. 1918 nach der Revolution blieb das Eigentumsrecht an der bisherigen Herzoglichen Bibliothek umstritten. Nach dem Zweiten Weltkrieg drohte das Aus für die Bibliothek, als die sowjetische Besatzungsmacht die rund 400.000 Bände weitgehend als Kriegsbeute in die Sowjetunion transportieren ließ.
1957 wurde sie aber restituiert und an ihrem alten Ort wieder aufgestellt, vermehrt um kleinere Sammlungen der Region. Als Forschungsbibliothek (ab 1968) erlangte sie unter dem bedeutenden Frühdruckforscher Helmut Claus ihren Platz im Bibliothekswesen der DDR. Nach der Wiedervereinigung wurde sie als Teilbibliothek der wieder gegründeten Universität Erfurt neu organisiert und nahm weitere Bestände (u.a. die Sammlung Perthes) auf.
Die Historische Forschungsbibliothek auf Schloß Friedenstein in Gotha hatte aus ihren Schätzen für die Kölner Gäste extra einige kölnische Kostbarkeiten präsentiert.
Sächsische Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek Dresden (Königliche albertinische Linie des Hauses Wettin)
Die Anfänge der Dresdner Hofbibliothek stehen im Zeichen des Humanismus. Kurfürst August (1553-1586), selbst humanistisch gebildet, ließ 1556 in Schloß Torgau eine Kollektion wissenschaftlicher Literatur zusammenstellen. Nach der Sitte der Zeit kaufte er ganze Sammlungen, suchte aber auch auf den Messen in Leipzig und Frankfurt nach eigenen Interessen Neuerscheinungen auf dem historischen, philologischen, juristischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Gebiet. Deutlich ist der reformatorische Standpunkt des Besitzers; sein persönlicher Einfluss sorgte auch für die überaus kostbaren Einbände, die die Bücher durch den Dresdner Buchbindermeister Jakob Krause erhielten. Um 1580 waren von den über 2.000 Bänden nahezu die Hälfte in die berühmten Renaissance-Einbände gebunden. Vermutlich war der persönliche Einfluss des Kurfürsten so prägend, das nach seinem Tod die Bibliothek nach Dresden überführt, in Vergessenheit geriet und erst im 18. Jahrhundert wieder entdeckt wurde.
Damals erweckte Kurfürst Friedrich August I. (+1733) der Starke die vernachlässigte Hofbibliothek zu neuem Leben. Sie wurde in den Zwingerpavillons untergebracht, erweitert und katalogisiert. Im letzten Drittel gewann sie in der Zeit der Blüte des kursächsischen Staates im Geist der Aufklärung einen bedeutenden Rang: Die berühmten Privatbibliotheken der sächsischen Grafen Heinrich von Bünau (42.000 Bände) und Heinrich von Brühl (62.000 Bände) wurden erworben und zusammen mit dem Altbestand durch Johann Michael Francke (+ 1775), dem bisherigen Bünaischen Bibliothekar, nach seinem vom historisch-geographischen Gesichtspunkt geprägten System 1769-71 neu aufgestellt. Diese Aufstellung wurde so übersichtlich gestaltet, dass ihm ein Katalog entbehrlich erschien. In der Folgezeit wurde der Erwerbungsetat so großzügig bemessen, dass man auch die neue Literatur laufend erwerben konnte. Ihr Erwerbungsprofil lag zwischen bibliophiler Sammlung und einer wissenschaftlichen Bibliothek für die Öffentlichkeit. Daher wuchs die Bibliothek schnell an und umfasste Ende des 18. Jahrhunderts über 170.000 Bände; damit war sie nach Wien umfangmäßig die zweitgrößte Bibliothek Deutschlands. 1786 zog sie ins umgebaute Japanische Palais und war dort seit 1788 öffentlich zugänglich. Nach Franckes Tod wurde deutlich, dass sie ohne Kataloge nicht auskommen konnte; diese erstellte ab 1787 der berühmte Sprachforscher Johann Christoph Adelung, der sich allerdings auf den alphabetischen Katalog konzentrierte.
Im 19. Jahrhundert konnte die seit 1806 Königl. Öffentliche Bibliothek genannte Institution ihren rasanten Aufschwung nicht fortsetzen, so fiel sie bald im Reigen der Bibliotheken zurück, obwohl ein so bedeutender Bibliothekstheoretiker wie Friedrich Adolf Ebert (1826-1834 Oberbibliothekar) amtierte. 1828 war die Bibliothek von der königlichen Privatschatulle in die staatliche Verwaltung übergegangen. Erst unter Ernst Förstemann (Oberbibliothekar 1865-1887) vollzog sich eine Wendung, indem Etat, Personalzahl, Räumlichkeiten deutlich verbessert wurden. Da in der Residenzstadt ohne Universität (Konkurrenz von Leipzig!) eine adäquate wissenschaftliche Benutzerschaft fehlte, konzentrierte man sich von nun an bewusst auf die Geschichte, die Philologien, Kunst und Staatswissenschaften. Man erstrebte eine Bildungsbibliothek mit wissenschaftlichem Niveau.
Franz Schnorr von Carolsfeld (1887-1907) setzte die kluge Politik fort und ließ in diesem Sinne vor allem die Sondersammlungen erschließen. Die seit der Revolution 1918 Sächsische Landesbibliothek genannte Einrichtung entwickelte sich unter Martin Bollert (1920-1937) weiter zu einer öffentlichen Gebrauchsbibliothek, der u.a. der Umbau im Japanischen Palais zur schönsten deutschen Bibliothek diente. Jetzt trat sie mit bedeutenden Ausstellungen (Erhart Kästner) und interessanten Vorträgen an die Öffentlichkeit. Bei Kriegsbeginn 1939 umfasste sie ca. 850.000 Bände, 2.300 Wiegendrucke und ca. 9.500 Handschriften. Durch den Großangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945 wurde die Bibliothek zerstört und ihr Bestand erheblich geschädigt (300.000 Bände verbrannten).
In der DDR langsam und mühsam wieder aufgebaut, wurde sie nach der Wende 1991 mit der Universitäts-Bibliothek der Technischen Universität zusammengeschlossen zur Sächsischen Staats-, Landes- und Universitätsbibliothek, die einen interessanten unkonventionellen Neubau erhielt, entworfen vom Architektenbüro Ortner & Ortner. Unter den Beständen hervorzuheben sind die Deutsche Fotothek mit über zwei Millionen Bilddokumenten aus 80 Jahren und die Sondersammelgebiete der Deutschen Forschungsgemeinschaft Zeitgenössische Kunst ab 1945 und Technikgeschichte.
Die SLUB Dresden zeigte voller Stolz ihre alten Kostbarkeiten im erst 2003 fertiggestellten Haus; das Buchmuseum ermöglicht endlich eine adäquate, heutigen Anforderungen entsprechende Präsentation ihrer Zimelien.
Höhepunkt der Reise war der Besuch in der gerade wiederhergestellten Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar. Direktor Dr. Michael Knoche ließ es sich nicht nehmen, die Kölner Gruppe nach dem Besuch des Rokoko-Saales auch in das neue Studienzentrum zu führen.
Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar (Herzogliche bzw. Großherzogliche ernestinische Linie des Hauses Wettin)
Die Hofbibliothek in Weimar war von Herzog Wilhelm Ernst (+1728) um 1690 gegründet worden. 1766 wurde sie im umgebauten Grünen Schloss aufgestellt und auch der prächtige ovale Rokokosaal gestaltet. Die Ende des 18. Jahrhunderts mit ca. 50.000 Bänden relativ große Sammlung zeugte von der kulturellen Blüte Weimars unter Herzogin Anna Amalia (einer geborenen Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel) und ihrem Sohn Herzog Karl August. Goethe hatte ab 1797 bis zu seinem Tode die Oberaufsicht über die Bibliothek inne; während seiner Amtszeit verdoppelten sich die Bestände, getreu seiner Maxime, dass die Bibliothek ein großes Kapital ist, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spende. Wertvolle Literatur des Mittelalters (Minnesänger- und Meistersingerhandschriften, Biblia pauperum) und der frühen Neuzeit, vor allem die reiche Literatur der deutschen Klassik (u.a. die größte Faustsammlung mit über 11.000 Bänden) prägen das Bild der Weimarer Sammlung. In Goethes Amtszeit wurde das Gebäude erweitert, indem der mittelalterliche Stadtturm einbezogen und als Magazin eingerichtet wurde. Er erhielt die berühmte, von der Osterburg in Weida stammende Wendeltreppe aus dem 17. Jahrhundert, deren 16 m hoher Tragpfeiler aus einem einzigen Eichenstamm geschnitzt ist und bis heute Bewunderung erregt. Einige Jahre später wurde das Gebäude nördlich erweitert und äußerlich dem Altbau angepasst.
Nach der Revolution von 1918 Weimarer Landesbibliothek genannt, wurde sie 1969 zur Zentralbibliothek der deutschen Klassik ausgebaut und ein Mittelpunkt der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der Klassischen Deutschen Literatur. Ihre Sammlungen wurden weiterentwickelt (u.a. bedeutende Shakespeare-Sammlung von ca. 10.000 Bänden).
Nach der Wiedervereinigung wurde sie im Rahmen der Stiftung Weimarer Klassik als Herzogin Anna Amalia Bibliothek neu organisiert und weiter mit erheblichen Mitteln ausgebaut. Im gegenüberliegenden Schloss erhielt sie einfühlsam eingefügte neu erbaute Benutzungs- und Magazinräume mit einem großen zentralen Büchersaal (Bücherkubus). Der Altbau mit dem berühmten ovalen Saal wurde am 2. September 2004 durch einen verheerenden Brand erheblich in Mitleidenschaft gezogen (Verlust von ca. 50.000 Bänden alter Drucke vor 1800, darunter auch die Musikaliensammlung der Anna Amalia) und 2007 nach sorgfältiger Restaurierung wieder eingeweiht. Damit lässt der schöne Saal mit seinen alten Büchern, Gemälden und Plastiken wieder etwas von der Atmosphäre des klassischen Weimar empfinden.
Goethes Büchersammlung wird bis heute unverändert in seinem Haus Am Frauenplan aufbewahrt und durch ein Verzeichnis erschlossen. Das Schwergewicht der 5424 Bände liegt auf dem Gebiet der Literatur (rd. 1.300 Titel, davon 500 aus dem Bereich der deutschen Dichtung), dazu Naturwissenschaften (1.200 Titel), der Rest ist inhaltlich breit gestreut und dokumentiert die weit gefächerten Interessen Goethes. Diese Arbeitsbibliothek von universalem geistigen Zuschnitt wurde nach Goethes eigenen Worten nicht „aus Laune und Willkür gesammelt“, sondern „ jedes Mal mit Plan und Absicht zu meiner eignen folgerechten Bildung“, so dass er ausnahmslos „an jedem Stück“ seines Besitzes etwas gelernt habe.
Abgerundet wurde die Studienreise durch den Besuch der Stadt und Manufaktur in Meißen und einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach in der Frauenkirche in Dresden. www.koelnische-bibliotheksgesellschaft.de
Wolfgang Schmitz, Irene Bischoff
(Beitrag veröffentlicht in: ProLibris, 13.2008,1; S. 23-25)
